Was für eine Technische Redakteurin werde ich in 10 Jahren sein?

Jaqueline Probian

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Jaqueline Probian studierte bis August 2017 Kommunikation und Medienmanagement an der Hochschule Karlsruhe. Sie ist als Technische Redakteurin bei LANG Technik in Holzmaden im Großraum Stuttgart tätig. Zudem ist sie Teil des Erweiterten Vorstands der tekom und bekleidet das Amt für Studierende und Berufseinsteiger. Im Beirat für Publikation wirkt sie bei der Planung künftiger Publikationskonzepte der tekom mit.
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Vergangene Woche trafen sich 24 Teilnehmer beim Ideen-Workshop der tekom, um über Innovationen in der Technischen Kommunikation zu sprechen. In einer Gruppe wurde das Berufsbild des Technischen Redakteurs diskutiert, das spürbar im Wandel ist. Oder sollten wir bereits vom Technischen Redakteur 4.0 sprechen? Jaqueline Probian war Teil dieser Diskussionsrunde:

Es klingelt. Die Post ist da. Zwischen den zahlreichen Briefen und Werbeflyern, finde ich die Unterlagen zur tekom-Jahrestagung. Nach einem kurzen Überfliegen der Vorträge, Tutorials und Workshops, das leicht beklemmende Gefühl – iiRDS, Smart Reality, Gamification – das ist nicht die Art von Technische Redaktion, die ich in den vergangenen 3,5 Jahren in meinem Studium kennengelernt habe.

Inwieweit ist das Berufsbild Technischer Redakteur im Wandel?
Wird man in Zeiten von Industrie 4.0 und damit Information 4.0 zum Technischen Redakteur 4.0?

Schließlich werden in einigen Foren schon über neue, passendere Bezeichnungen wie Informationsmanager diskutiert. Die Anforderungen an den Mensch „Technischer Redakteur“ werden dabei ganz neue sein. Die Verzahnung der Industrie mit der Informations- und Kommunikationstechnik braucht Schnittstellenarbeit zwischen allen, die an den Phasen des Produktlebenszyklus beteiligt sind. Dabei wirken auf den Technischen Redakteur dieselben vier Organisationsgestaltungsprinzipien, wie in der Industrie:

  1. Vernetzung:
    Maschine und Mensch sind miteinander vernetzt und kommunizieren.
  2. Informationstransparenz:
    Daten der Maschine werden in ein Informationssystem eingespeist, welche digitale Modelle für ein virtuelles Abbild der realen Welt erzeugen.
  3. Technische Assistenz:
    „Assistenzsysteme unterstützen den Menschen mit Hilfe von aggregierten, visualisierten und verständlichen Informationen.“ So können fundierte Entscheidungen getroffen und auftretende Probleme schneller gelöst werden. Quelle
  4. Dezentrale Entscheidungen:
    Cyberphysische Systeme können eigenständige Entscheidungen treffen und autonom arbeiten.

Können intelligente Systeme wirklich eigenständige Entscheidungen treffen? Alle vorherigen Punkte kann ich auf die Technische Dokumentation projizieren, doch die Entscheidungen möchte ich soweit möglich nach wie vor selbst treffen. Beim Thema Autonomes Fahren scheitert es schließlich auch an genau diesem Thema: Wie entscheidet die Maschine in einer Unfallsituation? Für den Zufall kann kein Entscheidungsalgorithmus erstellt werden.

Um an dieser Stelle ein weniger dramatisches Beispiel zu nehmen; waren Sie einmal bei Starbucks?  Um einen einfachen Kaffee zu bestellen, muss ich vier Entscheidungen treffen:

starbucks kaffeeTo stay or to go?“, werde ich als erstes gefragt. „Groß, mittel, klein?“, folgt. „Halbfett, vollfett, laktosefrei?“ und zuletzt die Frage nach Zusatzaromen “Karamell, Kakao, Apfel oder Zimt?“. Um einen gewöhnlichen Kaffee zu erhalten, muss ich unter vielen Möglichkeiten abwägen und zugleich unter Druck spontan entscheiden.

 

Man könnte auch sagen: Die Unübersichtlichkeit pluralistischer Verhältnisse in einer immer unübersichtlicheren Informations- und Entscheidungswelt führt zur zeitweiligen Entscheidungsstarre des Einzelnen. Wenn es für uns als Mensch schon schwer ist zu entscheiden, wie kann man diesen Entscheidungsprozess einer Maschine beibringen?

Theodor Heuss äußerte sich bereits vor über fünfzig Jahren zu diesem Thema:

Eines Tages werden Maschinen vielleicht nicht nur rechnen, sondern auch denken. Mit Sicherheit aber werden sie niemals Phantasie haben.

Werden Maschinen denken? Werden sie intelligent? Wie gut können sie unsere Welt verstehen? Künstliche Intelligenz scheint derzeit das wichtigste Forschungsthema überhaupt zu sein. Künstliche Intelligenz hat das Potenzial, die Welt in den nächsten Jahren komplett zu verändern. Und die Frage, die mir dabei stets im Sinn ist: Was für eine Technische Redakteurin werde ich in 10 Jahren sein? Werde ich ein Informationsmanager? Und was bedeutet es für mich, wenn Maschinen, welche ich mit Informationen füttere, die Dokumentationen ausspucken? Was werden meine Aufgaben sein?

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Das Ergebnis aus der Diskussionsrunde im Ideen-Workshop: die Rolle des Technischen Redakteurs wird sich ändern. Er nimmt zunehmend die Position als „quere Schnittstellenfunktion“ ein. Auch neue Berufsbezeichnungen würden besser passen, wie Wissensmanager, Infomanager oder Content Hero.

In meinem Amt im Erweiterten Vorstand der tekom als Beisitzerin für Studierende und Berufseinsteiger, höre ich genau solche Fragen von jungen Technischen Redakteuren, ob noch im Studium oder gerade im Beruf. Die Unsicherheit ist da, doch ich denke, wir sind eine mutige Generation, welche den künftigen Anforderungen entschieden entgegenblickt und bereit ist das Erforderliche zu tun und zu lernen, um ein Technischer Redakteur 4.0 zu werden.

 

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