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Bettina Koch hat über 10 Jahre Erfahrung als angestellte und freiberufliche Übersetzerin. Parallel zu ihrem Job befasste sie sich in Ihrer Bachelorarbeit intensiv mit der Übersetzungsnorm ISO 17100. Ein primäres Ziel der Bachelorarbeit ist es die Frage „Bringt mir die Zertifizierung als freiberuflicher Übersetzer überhaupt etwas?“ zu beantworten. Mithilfe von Umfragen und intensiven Recherchen kam sie dieser Frage näher. Auf der tekom-Frühjahrstagung wird Sie darüber referieren. Eine erste Antwort gibt es jetzt schon:

Gastautorin Bettina Koch

Seit 2016 können sich in Deutschland freiberufliche Übersetzer nach der Übersetzungsnorm ISO 17100 zertifizieren lassen. Doch wie funktioniert das Ganze eigentlich – und vor allem: Was bringt es?

Die ISO 17100 ist die Weiterentwicklung der europäischen Übersetzungsnorm EN 15038, die sich nicht nur in Europa bewährt hat, sondern auch als Vorlage für ähnliche Nomen beispielsweise in Kolumbien diente. Ziel der ISO 17100 ist es somit, einen internationalen Standard zu schaffen, mit dem Kunden darauf vertrauen können, eine hochwertige Übersetzungsleistung zu erhalten – egal, ob der Übersetzer in Deutschland, Brasilien oder Nigeria sitzt. Mit der Zertifizierung können Übersetzer nachweisen, dass sie in ihrem Übersetzungsprozess die Anforderungen der Norm einhalten.

Lässt sich Übersetzungsqualität überhaupt normen?

Zertifizierung als Freiberufler - bringt mir das was?

Ganz klar: Eine Übersetzung ist kein mechanisches Bauteil, das nach einem bestimmten Prozess beliebig oft in gleichbleibender Qualität produziert werden kann. Zudem spielen bei der Beurteilung von Übersetzungsqualität immer auch subjektive Kriterien eine Rolle. Das Produkt „Übersetzung“ lässt sich somit also natürlich nicht normen, der Weg zu einer qualitativ hochwertigen Übersetzung dagegen schon. Viele der in der Norm geforderten Schritte sollten für qualitätsorientiert arbeitende Übersetzer ohnehin selbstverständlich sein. Sehen wir uns die wichtigsten Normforderungen einmal an.

Kernforderungen der ISO 17100

Die Anforderungen der ISO 17100 lassen sich in vier Kernbereiche zusammenfassen:

  1. Projektvorbereitung
  2. Produktionsprozesse
  3. Projektnachbereitung
  4. Informationssicherheit

1) Der Abschnitt Projektvorbereitung umfasst alle Tätigkeiten vor Beginn des eigentlichen Übersetzungsprozesses: Vereinbarungen mit dem Kunden, Angebot, sprachliche und technische Spezifikationen und ggf. Auswahl von Übersetzer und Revisor.

2) Unter Produktionsprozesse werden die einzelnen Arbeitsschritte bei Übersetzungen beschrieben – von der Übersetzung und Eigenkontrolle über die Revision bis zur Freigabe.

3) Bei der Projektnachbereitung steht vor allem ein Feedbackprozess im Mittelpunkt, der langfristig für eine höhere Übersetzungsqualität sorgen soll.

4) Besonderer Wert wird in der ISO 17100 auf Informationssicherheit gelegt:  In allen Phasen des Übersetzungsprozesses muss die Vertraulichkeit der Kundendaten gewährleistet sein. In der Wahl der Mittel macht die Norm dabei keine Vorgaben. Es liegt lediglich in der Verantwortung des Übersetzers bzw. Sprachdienstleisters, die Normforderungen in angemessener Weise umzusetzen. Dies ist auch für Einzelübersetzer ohne großen bürokratischen Aufwand möglich. Eine Ausnahme bildet dabei Punkt 5.3.3 der Norm, in dem eine Revision durch eine zweite Person gefordert wird. Auch dies stellt jedoch in der Praxis kaum eine Hürde dar, da freiberufliche Übersetzer ohnehin meist in Netzwerken arbeiten.

 

Die ISO-17000-Zertifizierung für Freiberufler

Während an der Vorgängernorm DIN EN 15038 vielmals bemängelt wurde, dass die Anforderungen für Einzelpersonen kaum umsetzbar seien, wurde für die DIN EN ISO 17100 ein speziell auf freiberuflich tätige Übersetzerinnen und Übersetzer ausgerichtetes Zertifizierungsverfahren entwickelt. Die Zertifizierung erfolgt in Deutschland durch die docConsult Zertifizierung UG.

So zertifiziert sich ein Freiberufler:

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Der Ablauf der Zertifizerung und Rezertifizierung.

1. Der erste Schritt zur Zertifizierung ist ein sogenanntes Pre-Audit. Hier werden die Prozesse des freiberuflichen Übersetzers durch einen Auditor der Zertifizierungsstelle geprüft und eventuelle Schwachstellen in Hinblick auf die Normkonformität aufgezeigt. Der Übersetzer erhält nun die Möglichkeit, seine Arbeitsabläufe nachzubessern.

2. Im eigentlichen Zertifizierungsaudit, das etwa 3 bis 4 Stunden dauert, überprüft der Auditor dann noch einmal alle Prozesse des Übersetzers auf Einhaltung der ISO-17100-Vorgaben.

Nach einem erfolgreichen Zertifizierungsaudit erhält der Übersetzer ein Zertifikat, das die Normkonformität bescheinigt.

3. Nach jeweils einem Jahr erfolgt ein Überwachungsaudit, bei dem innerhalb von ca. 1,5 Stunden geprüft wird, ob der zertifizierte Freiberufler die Normvorgaben immer noch einhält oder ob Korrekturbedarf bei den Arbeitsprozessen besteht.

4. Nach drei Jahren ist schließlich eine Rezertifizierung erforderlich, die genauso abläuft wie das initiale Zertifizierungsaudit. Wird kein erneutes Zertifizierungsaudit durchgeführt, erlischt die Zertifizierung automatisch.

 

Erfahrungen der zertifizierten Übersetzer

Im Rahmen meiner Bachelor-Arbeit am SDI München habe ich eine Umfrage unter den zum damaligen Zeitpunkt (Frühjahr 2017) zertifizierten Übersetzerinnen und Übersetzern durchgeführt, um zu ermitteln, ob sich durch die Zertifizierung tatsächlich spürbare Verbesserungen erzielen lassen, beispielsweise hinsichtlich Neukundenakquise oder höherer Wortpreise.

Die Ergebnisse waren zwiespältig:
Die positiven Auswirkungen der Zertifizierung in den messbaren Bereichen Akquise, Preisgestaltung und Produktivität blieben nach Angaben der Befragten leicht hinter den Erwartungen zurück. Bei „weichen“ Faktoren wie Professionalität und Selbstsicherheit wurden die Erwartungen dagegen erfüllt oder sogar übertroffen.

Allerdings konnten in allen Bereichen Verbesserungen festgestellt werden.

Am geringsten fielen diese bei der Preisgestaltung aus – nur ein Viertel der Befragten erzielt seit der Zertifizierung höhere Preise –, am deutlichsten in den Bereichen Professionalität und Selbstsicherheit, in denen 75 % bzw. 50 % der Befragten eine Verbesserung wahrnahmen.

 

Fazit

Greifen wir die Frage vom Anfang „ISO-17100-Zertifzierung für Freiberufler – bringt mir das was?“ nochmals auf:

Aspekte wie strukturiertere Arbeitsprozesse zur Einhaltung der Normforderungen oder ein höheres Vertrauen in die eigene Arbeit bringen natürlich auch eine nicht quantifizierbare Verbesserung der Lebensqualität mit sich. Die regelmäßige Überprüfung der eigenen Arbeitsweise durch einen unvoreingenommenen Blick von außen wurde ebenfalls von vielen Befragten als positiv bewertet.

Somit scheint sich zumindest auf den ersten Blick für die meisten Freiberufler kein unmittelbarer finanzieller Vorteil durch die Zertifizierung zu ergeben. Die positiven Auswirkungen auf die Selbstsicherheit der Zertifizierten und das professionellere Auftreten dürfen jedoch keinesfalls unterschätzt werden, da diese Faktoren entscheidend dazu beitragen, den Berufsstand nach außen hin zu professionalisieren. So werden auch die Kunden für die Bedeutung von Qualitätsübersetzungen sensibilisiert, sodass diese langfristig bereit sind, für Qualität auch einen angemessenen Betrag zu bezahlen.

Lesen Sie hier inwieweit sich die Normen ISO 9000 und ISO 17100 gegenseitig ergänzen.

Gastautorin Bettina KochÜber die Autorin

Bettina Koch arbeitet seit 2005 in der Übersetzungsbranche. Als Technische Redakteurin bei der Fasihi GmbH in Ludwigshafen  ist sie  für den Bereich Softwarelokalisierung und  Onlinehilfe zuständig. Neben ihrer hauptberuflichen Tätigkeit absolviert sie  derzeit das berufsbegleitende Master-Studium TCLoc an der Universität Straßburg und begeistert sich für alles rund um Standardisierung und XML.

@N3rdhoernchen

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